Tesla baut Gigafactories, BMW baut Ausreden – das Elektro-Versagen der deutschen Autoindustrie ist ein Vorwurf, der seit Jahren durch die Branche hallt. Und er trifft einen wunden Punkt.
Während Tesla in Rekordzeit eine komplette Fabrik auf deutschem Boden hochzog, diskutierten deutsche Hersteller noch über Plattformstrategien und Übergangstechnologien.

Das Problem ist nicht, dass BMW oder Volkswagen keine Elektroautos bauen könnten, sondern dass sie sich damit zu lange schwergetan haben. Die Abhängigkeit vom profitablen Verbrennergeschäft, träge Strukturen und langsame Entscheidungen haben eine Lücke entstehen lassen, die jetzt richtig teuer wird.
Hier geht’s um die Frage, wo der Vergleich zwischen Tesla und deutschen Herstellern Sinn ergibt, wo er zu kurz greift – und was eigentlich passieren müsste.
Worum es beim Vorwurf gegen die deutsche Autoindustrie geht

Kernvorwurf an BMW, Volkswagen und Co.: Jahrelange Ankündigungen haben echte Transformation nicht ersetzt. Tesla gilt als Beweis, dass es auch anders geht – und zwar viel schneller.
Warum Tesla als Maßstab gesetzt wird
Tesla hat gezeigt, dass ein Autobauer ohne jahrzehntelange Geschichte ein voll integriertes Elektrofahrzeug-Ökosystem aufbauen kann. Von der Batterie bis zur Software macht Tesla fast alles selbst.
Das lädt natürlich zum Vergleich ein, auch wenn der nicht immer ganz fair ist.
Was mit „Ausreden“ konkret gemeint ist
Mit „Ausreden“ meinen Kritiker, dass deutsche Hersteller den Umstieg auf Elektromobilität immer wieder mit Hinweisen auf fehlende Ladeinfrastruktur, angeblich mangelnde Nachfrage oder unreife Batterietechnik erklärten. Gleichzeitig entwickelten und vermarkteten sie Verbrenner weiter mit voller Kraft.
Die Investitionsentscheidungen erzählten oft eine andere Geschichte als die öffentlichen Statements.
Welche Hersteller neben BMW mitgemeint sind
Nicht nur BMW steht in der Kritik. Volkswagen, Mercedes-Benz und ihre Tochtermarken sind genauso gemeint.
Besonders VW steht unter Druck, weil der Konzern trotz früher Elektroambitionen mit den ID-Modellen hinter den eigenen Zielen zurückblieb. Auch Zulieferer wie ZF und Bosch stellen sich inzwischen auf einen längeren Abschwung ein.
Teslas Fabrikmodell in Grünheide als Gegenbeispiel

Die Gigafactory in Grünheide bei Berlin ist das deutlichste Symbol dafür, wie schnell ein Werk entstehen kann, wenn der Wille da ist. Tesla brachte Tempo, Skalierung und mediale Präsenz zusammen – drei Dinge, die deutschen Herstellern oft fehlen.
Warum Berlin-Brandenburg als Standort attraktiv war
Grünheide bot eine gute Anbindung, Nähe zu Berlin als Talentpool und eine politische Bereitschaft, das Projekt zu unterstützen. Brandenburg sah in der Fabrik eine Chance für eine strukturschwache Region.
Das erleichterte viele Entscheidungen, auch wenn der Genehmigungsprozess trotzdem aufwendig blieb.
Was in der Gigafactory produziert werden sollte
Seit 2022 laufen in Grünheide Elektrofahrzeuge für den europäischen Markt vom Band, vor allem das Model Y. Tesla kündigte auch den Start einer eigenen Batteriezellproduktion vor Ort an.
Das Ziel: Möglichst viele Wertschöpfungsschritte an einem Ort bündeln.
Wie Tesla Tempo, Skalierung und Aufmerksamkeit kombinierte
Tesla baute die Fabrik in einem Tempo, das in Europa fast niemand für möglich gehalten hätte. Der Bau begann, bevor alle Genehmigungen vorlagen – das sorgte für reichlich Diskussionen.
Gleichzeitig nutzte Tesla die Fabrik als PR-Bühne, um Stärke und Entschlossenheit zu zeigen. Damit holte sich das Unternehmen Aufmerksamkeit, Investorenvertrauen und das Interesse der Lieferanten auf einen Schlag.
Wo BMW und andere deutsche Hersteller ins Hintertreffen geraten
Deutsche Hersteller haben die Elektromobilität nicht komplett verschlafen, aber sie behandelten sie zu lange als Zusatz statt als echte Alternative. Das wirkt sich jetzt bei Marktanteilen, Investitionen und Kapazitäten aus.
Späte Priorisierung der Elektromobilität
BMW und Mercedes setzten lange auf hybride Übergangslösungen. Erst als der Markt klar in Richtung Elektro kippte, zogen sie nach.
BMW macht jetzt die Verbrennerproduktion in München dicht – das ist ein deutlicher Schritt. Aber ehrlich, der kommt viel später als nötig.
Abhängigkeit vom Verbrennergeschäft
Das China-Geschäft mit teuren Verbrennern hielt die Bilanzen lange im Plus. Experten meinen, genau diese Gewinne hätten Investitionen in neue Elektromodelle ausgebremst.
Als die Umsätze in China einbrachen, fehlte der Ersatz durch konkurrenzfähige Elektroautos.
Langsame Entscheidungen bei Batterien und Plattformen
Deutsche Hersteller starteten erst spät mit der Entwicklung eigener Elektroarchitekturen. VW, BMW und Mercedes bauen jetzt eigene Plattformen, aber der Abstand zu Tesla und vor allem zu BYD ist sichtbar.
BYD hat Tesla bei den deutschen Neuzulassungen von Elektroautos bereits überholt. Das zeigt, wie ernst die Lage ist.
Die strukturellen Ursachen des Rückstands
Der Rückstand der deutschen Autoindustrie ist kein Zufall. Die Ursachen liegen tief und haben sich über Jahrzehnte aufgebaut.
Komplexe Lieferketten und gewachsene Konzernstrukturen
Große Konzerne wie Volkswagen haben mit ihren vielen Tochtermarken extrem komplexe Abstimmungsprozesse. Entscheidungen dauern ewig, weil so viele mitreden.
Diese Komplexität macht schnelle Kurswechsel fast unmöglich – ganz anders als bei einem fokussierten Newcomer wie Tesla.
Standortpolitik, Genehmigungen und industrielle Trägheit
Deutschland hat ein ziemlich aufwendiges Genehmigungsverfahren für neue Werke. Das schützt Umwelt und Anwohner, bremst aber auch neue Kapazitäten aus.
Selbst Tesla musste in Grünheide erleben, wie Bürokratie Zeitpläne sprengt. Für deutsche Hersteller, die bestehende Werke umbauen, zieht sich das oft genauso lange.
Risikovermeidung statt konsequenter Transformation
Deutsche Autobauer sind auf Risikovermeidung programmiert. Verständlich, bei Unternehmen mit hunderttausenden Angestellten und starken Marken.
Aber genau diese Vorsicht hat dazu geführt, dass disruptive Schritte zu spät oder zu halbherzig kamen. Tesla ging Risiken ein, BMW und VW spielten lieber auf Nummer sicher – und das auf Kosten des Tempos.
Warum der Vergleich mit Tesla trotzdem nicht zu einfach sein darf
Es wäre zu simpel, die Krise der deutschen Autoindustrie nur auf fehlenden Willen zu schieben. Der Vergleich mit Tesla blendet einige entscheidende Unterschiede aus.
Unterschiede bei Regulierung und Arbeitsmarkt
Tesla arbeitet unter anderen Rahmenbedingungen als BMW oder VW. Mitbestimmung, Tarifverträge und Kündigungsschutz prägen die deutsche Industrie.
Das verlangsamt Veränderungen, schützt aber auch die Beschäftigten. Ein anderes Modell – nicht unbedingt ein schlechteres.
Die Rolle von Subventionen und politischer Unterstützung
Tesla bekam für Grünheide viel politische Unterstützung und Subventionen. Auch die deutschen Hersteller profitierten von Kaufprämien für E-Autos, bis sie 2023 plötzlich gestrichen wurden.
Das hat den E-Auto-Markt in Deutschland gebremst – und trifft alle Hersteller, nicht nur die heimischen.
Was etablierte Hersteller besser können als Newcomer
BMW, Mercedes und Volkswagen sind Profis bei globalen Lieferketten, Qualitätskontrolle und Vertrieb. Anfang 2025 stammten rund zwei Drittel aller in Europa neu zugelassenen Elektroautos von deutschen Herstellern.
Das zeigt, dass sie in manchen Bereichen durchaus stark sind – trotz aller Probleme.
Was die deutsche Autoindustrie jetzt tun muss
Die Zeit für Ausreden ist vorbei. Deutsche Hersteller müssen jetzt in drei Bereichen wirklich liefern.
Batteriekompetenz und Software ernsthaft ausbauen
Wer bei Batteriezellen und Fahrzeugsoftware von Zulieferern abhängig bleibt, verliert die Kontrolle über die wichtigsten Bereiche der Elektromobilität. BMW, VW und Mercedes müssen eigene Kompetenzen in diesen Feldern aufbauen.
Das heißt: investieren in Forschung, eigene Zellfertigung und Software-Talente.
Werke schneller auf E-Mobilität umbauen
Die Umstellung bestehender Werke dauert einfach zu lange. BMWs Entscheidung, München auf Elektroantriebe umzustellen, ist ein richtiger Schritt.
Aber der Umbau muss im ganzen Netz schneller gehen – auch wenn das kurzfristig weh tut.
Führung, Kultur und Investitionen neu ausrichten
Strukturwandel klappt einfach nicht ohne einen echten kulturellen Wandel. Entscheidungswege müssen kürzer werden.
Man sollte Risikobereitschaft endlich belohnen. Investitionen in Elektromobilität dürfen nicht länger vom Verbrennergeschäft ausgebremst werden.
Hier geht’s nicht um Technik, sondern um die Führung im Unternehmen.




