Stellen Sie sich das mal vor: Sie brauchen dringend einen Hausarzttermin, aber bekommen erst in sechs Monaten einen. Wartezeiten von mehreren Monaten beim Hausarzt sind mittlerweile Alltag – und das wirft große Fragen zum deutschen Gesundheitssystem auf.
Akute Beschwerden können selten warten. Trotzdem müssen viele Patientinnen und Patienten auf andere Anlaufstellen ausweichen oder riskieren, dass ihre Gesundheit leidet.

Das Problem betrifft nicht nur Einzelne. Millionen gesetzlich Versicherte kämpfen täglich um Termine bei Hausärzten, die längst am Limit arbeiten.
Chronisch Kranke und Menschen mit besonderen Bedürfnissen haben es besonders schwer, weil sie auf regelmäßige Betreuung angewiesen sind.
Die Politik hat reagiert. Mit dem neuen Gesundheitsversorgungsstärkungsgesetz sollen sich die Bedingungen für Hausärzte und Patienten verbessern.
Doch reicht das wirklich? Was bedeutet das für Ihren nächsten Arztbesuch?
Wartezeiten auf Hausarzttermine: Gründe und Auswirkungen

Lange Wartezeiten beim Hausarzt entstehen durch Ärztemangel und eine ungleiche regionale Verteilung. Besonders Menschen mit chronischen Erkrankungen trifft das hart – und das Vertrauen in die ambulante Versorgung leidet.
Überlastung der Hausärzte und regionale Unterschiede
Vor allem ländliche Gebiete kämpfen mit einem Hausärztemangel. Dort wartet man oft wochenlang auf einen Termin.
Viele Praxen nehmen keine neuen Patienten mehr auf. In Städten sieht es ein bisschen besser aus, aber auf dem Land fährt man schnell mal 10-15 Kilometer zum nächsten freien Hausarzt.
Die demografische Entwicklung verschärft das Problem. Immer mehr ältere Hausärzte gehen in Rente, aber zu wenige junge Ärzte rücken nach.
Gleichzeitig steigt der Behandlungsbedarf, weil die Bevölkerung altert. Praxen geraten dadurch unter Druck.
Ihr Hausarzt muss mehr Patienten in derselben Zeit versorgen. Das dauert – und Sie warten länger.
Bedeutung von Wartezeiten für chronisch Kranke
Chronisch Kranke brauchen regelmäßige Hausarztbesuche. Haben Sie zum Beispiel Diabetes oder Bluthochdruck, können lange Wartezeiten gefährlich werden.
Verschlechtert sich Ihr Zustand plötzlich, brauchen Sie sofort Hilfe. Wenn Sie dann wochenlang warten müssen, riskieren Sie ernsthafte Komplikationen.
Auch Präventionsmaßnahmen geraten ins Hintertreffen. Kontrolltermine und Vorsorgeuntersuchungen werden verschoben, was langfristig Risiken birgt.
Gesetzlich Versicherte trifft das besonders hart, weil sie nicht einfach auf private Termine ausweichen können.
Auswirkungen auf Vertrauen und Versorgungssicherheit
Lange Wartezeiten erschüttern das Vertrauen in die Gesundheitsversorgung. Wenn Kassenpatienten monatelang auf Termine warten, während Privatpatienten sofort drankommen, fühlt sich das nach Zwei-Klassen-Medizin an.
Im Notfall erreichen viele ihren Hausarzt gar nicht mehr. Viele Patienten landen dann in der Notaufnahme, was das System weiter belastet.
Das Vertrauen in die ambulante Versorgung schwindet, wenn grundlegende Betreuung nicht mehr klappt. Sie fühlen sich nicht mehr gut betreut.
Auch die kontinuierliche Arzt-Patient-Beziehung leidet, weil viele Patienten wegen langer Wartezeiten häufiger wechseln müssen.
Gesetzliche Anpassungen und Reformen im Hausarztbereich

Das neue Gesundheitsversorgungsstärkungsgesetz (GVSG) krempelt die Hausarztversorgung um. Die wichtigsten Änderungen: Entbudgetierung der Vergütung, weniger Bürokratie und neue Finanzierungsmodelle für bessere Versorgung.
Das Gesundheitsversorgungsstärkungsgesetz (GVSG) im Überblick
Bundestag und Bundesrat haben das GVSG Ende 2024 verabschiedet. Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) hat damit eine zentrale Reform auf den Weg gebracht.
Das Gesetz soll Hausarzttermine wieder leichter verfügbar machen. Chronisch Kranke müssen nicht mehr alle drei Monate zum Arzt, nur damit dieser seine Quartalspauschale abrechnen kann.
Jetzt dürfen Hausärzte ihre Leistungen bedarfsgerecht über bis zu zwölf Monate abrechnen. Das spart viele unnötige Termine.
Kernpunkte des GVSG:
- Vollständige Vergütung aller hausärztlichen Leistungen
- Wegfall der Budgetgrenzen für Hausärzte
- Weniger überflüssige Kontrolltermine
- Neue Vorhaltepauschale für erweiterte Versorgung
Entbudgetierung und neue Vergütungsmodelle
Die Entbudgetierung verändert für Hausärzte alles. Bisher begrenzten feste Budgets ihre Honorare.
Ab 2025 bekommen Hausärzte für alle Leistungen eine vollständige Vergütung. Das betrifft besonders Hausbesuche und die Betreuung neuer Patienten.
Die alte Quartalspauschale entfällt teilweise. Ärzte rechnen ihre Leistungen jetzt flexibler über längere Zeiträume ab.
Neue Vergütungsstruktur:
- Keine Budgetobergrenzen mehr
- Vollvergütung von Hausbesuchen
- Flexible Abrechnungszyklen
- Mehr Planungssicherheit für Praxen
Die Krankenkassen warnen vor steigenden Kosten. Lauterbach sagt aber, dass weniger Facharztüberweisungen die Ausgaben ausgleichen könnten.
Weniger Bürokratie und bessere Steuerung
Das GVSG nimmt Hausärzten viel Verwaltungsaufwand ab. Die wichtigste Änderung: Die Abrechnungszyklen werden länger.
Früher mussten Ärzte quartalsweise mit den Kassen abrechnen. Das führte zu unnötigen Terminen.
Jetzt rechnen Hausärzte nach Bedarf ab. Chronisch kranke Patienten kommen nur noch, wenn es medizinisch nötig ist.
Bürokratieabbau konkret:
- Weniger Abrechnungszyklen im Jahr
- Keine Zwangstermine mehr
- Weniger Dokumentationspflichten
- Einfachere Kostenerstattung
So bleibt mehr Zeit für Patienten, die wirklich Hilfe brauchen. Lauterbach spricht von einer „grundlegenden Verbesserung der ambulanten Versorgung“.
Vorhaltepauschale und Versorgerpraxen
Das GVSG führt Versorgerpraxen ein. Diese Praxen bieten erweiterte Leistungen und bekommen dafür eine zusätzliche Vorhaltepauschale.
Versorgerpraxen müssen bestimmte Dinge leisten:
- Längere Öffnungszeiten (abends, Wochenende)
- Regelmäßige Hausbesuche und Heimbesuche
- Kurzfristige Termine für Akutfälle
- Koordination mit Fachärzten
Die Vorhaltepauschale soll Praxen motivieren, diese Extras anzubieten. Besonders auf dem Land könnte das die Versorgung verbessern.
Finanzierung der Versorgerpraxen:
- Grundvergütung plus Vorhaltepauschale
- Bonus für längere Öffnungszeiten
- Extra-Vergütung für Notfallversorgung
- Planungssicherheit durch langfristige Verträge
Die Reform läuft bis 2026. Erste Verbesserungen bei den Terminen erwarten Experten schon in der ersten Hälfte 2025.
Chronisch Kranke, Behinderungen und besondere Patientengruppen
Das neue Gesetz bringt spürbare Verbesserungen für chronisch Kranke und Menschen mit Behinderungen. Auch Patienten in Sozialpädiatrischen Zentren und MZEB kommen leichter an Hilfsmittel.
Vereinfachte Versorgung für chronisch Kranke und Menschen mit Behinderung
Chronisch Kranke müssen nicht mehr jedes Quartal zum Arzt. Die neue Versorgungspauschale erlaubt es Hausarztpraxen, für chronische Erkrankungen eine Pauschale für bis zu vier Quartale abzurechnen.
Diese Regelung gilt für Krankheiten wie:
- Diabetes mellitus
- Asthma
- Chronische Atemwegserkrankungen
- Koronare Herzkrankheit
Das SGB V berücksichtigt die speziellen Bedürfnisse von behinderten und chronisch kranken Menschen. Sie sparen sich so unnötige Termine und Wartezeiten.
Ihre Hausarztpraxis kann sich besser auf akute Fälle konzentrieren. Trotzdem bleibt Ihre Betreuung gesichert.
Hilfsmittel und Leistungen für SPZ und MZEB
Das Gesetz beschleunigt und vereinfacht die Bewilligungsverfahren für Hilfsmittel. Wer in einem Sozialpädiatrischen Zentrum (SPZ) oder Medizinischen Zentrum für Erwachsene mit Behinderung (MZEB) behandelt wird, bekommt schneller die nötigen Hilfsmittel.
Das betrifft:
- Erwachsene mit schweren Krankheiten
- Kinder und Jugendliche mit Behinderungen
- Patienten mit komplexem Betreuungsbedarf
Die neuen Verfahren verkürzen Wartezeiten spürbar. Sie erhalten medizinisch notwendige Hilfsmittel ohne endlose Bürokratie.
Auswirkungen der Reformen auf vulnerable Gruppen
Gesetzlich Versicherte mit chronischen Krankheiten spüren die Reformen besonders stark. Weil die Hausarztleistungen jetzt nicht mehr durch Budgets begrenzt sind, kann Ihr Arzt Sie freier behandeln.
Vorteile für Sie als chronisch kranker Patient:
- Sie brauchen weniger unnötige Termine.
- Ihr Arzt nimmt sich mehr Zeit für wichtige Behandlungen.
Die Koordination läuft besser über Ihren Hausarzt. Wartezeiten verkürzen sich spürbar.
Menschen mit Behinderungen profitieren von den neuen SPZ- und MZEB-Regelungen. Sie kommen so leichter an medizinische Versorgung heran.
Mit der Vorhaltepauschale können Praxen ihre Öffnungszeiten besser anpassen. Hausbesuche werden dadurch häufiger möglich.
Diese Reformen nehmen vielen Menschen Hürden auf dem Weg zur richtigen Behandlung. Sie machen den Zugang zu wichtigen Leistungen einfacher.
Zugang zu Facharztterminen und die Rolle des Hausarztes
Ihr Hausarzt spielt beim Vermitteln von Facharztterminen eine zentrale Rolle. Die Wartezeiten unterscheiden sich dabei deutlich zwischen Haus- und Fachärzten.
Verschiedene Hilfen und Systeme unterstützen Sie, schneller an den passenden Termin zu kommen.
Unterschiede zwischen Hausarzt- und Facharztterminen
Hausarzttermine bekommen Sie meist recht kurzfristig.
Auf einen Facharzttermin warten viele allerdings Wochen oder sogar Monate. Laut aktuellen Zahlen müssen 25 Prozent der gesetzlich Versicherten länger als 30 Tage auf einen Termin beim Facharzt warten.
Privatpatienten gelangen in der Regel schneller an Termine – sowohl beim Hausarzt als auch beim Facharzt. Das liegt an der höheren Vergütung durch private Krankenkassen.
Notfalltermine behandeln Ärzte immer bevorzugt. Bei akuten Beschwerden können Sie oft direkt einen Arzttermin bekommen, ohne lange zu warten.
Wie schnell Sie einen Termin bekommen, hängt ab von:
- der Fachrichtung (zum Beispiel Dermatologe oder Orthopäde)
- dem Standort (Stadt oder Land)
- Ihrem Versicherungsstatus
- der Dringlichkeit des Falls
Lotsenfunktion des Hausarztes bei Facharztüberweisungen
Ihr Hausarzt übernimmt eine Art Lotsenfunktion im Gesundheitssystem. Er prüft, welcher Facharzt sich für Ihr Problem eignet, und stellt die Überweisung aus.
Mit einem Dringlichkeitscode auf der Überweisung beschleunigt Ihr Hausarzt die Terminvergabe. Ist eine Behandlung innerhalb eines Monats nötig, vermerkt Ihr Hausarzt das extra.
Die Überweisung enthält wichtige Infos:
- Verdachtsdiagnose
- Dringlichkeit
- Bereits durchgeführte Untersuchungen
- Spezielle Fragestellungen
Der Facharzt kann so gezielter planen und Ihnen schneller helfen. Ohne Überweisung behandeln viele Fachärzte Sie gar nicht – oder nur, wenn Sie selbst zahlen.
Unterstützungsangebote für Terminvereinbarungen
Die Terminservicestelle (TSS) erreichen Sie unter der Nummer 116117, wenn Sie Hilfe bei der Suche nach Facharztterminen brauchen. Der Service kostet nichts und funktioniert bundesweit – egal ob per Telefon, App oder online.
Was Sie für die TSS brauchen:
- Eine gültige Überweisung vom Hausarzt
- Einen Dringlichkeitscode, falls es eilig ist
- Die Bereitschaft, auch mal weiter zu fahren
Die Bundesregierung will außerdem ein neues Primärarztsystem einführen. Damit soll die Terminvergabe bei Fachärzten anders laufen und die Wartezeiten endlich kürzer werden – klingt vernünftig, oder?
Immer mehr Praxen bieten inzwischen die Online-Terminbuchung an. Viele Fachärzte lassen Sie direkt auf ihrer Website oder über spezielle Apps Termine buchen.
Wenn Sie trotzdem länger warten müssen, gibt’s noch ein paar Tricks:
- Kontaktieren Sie mehrere Praxen gleichzeitig
- Fragen Sie nach kurzfristig abgesagten Terminen
- Seien Sie flexibel bei den Terminzeiten




